sola ratione


Zu Gestalt und Methode der Vernunfterkenntnis im Monologion

1.

Die Aufnahme von Augustinus 'de trinitate' und die vorbereitende Begriffsarbeit des Monologion zur Grundlegung einer trinitarischen Theologie

Vom Ursprung der Seele


2.

Das „melius ipsum quam non ipsum“ – „besser selbst zu sein nicht es selbst“ als Erschließungskriteriun von Wesensbestimmungen des Göttlichen im Monologion 

a) M1 – M14

Aus der Einsicht, daß allem etwas Erstreben eine Beurteilung innewohnt, dass es gut sei, was man für erstrebenswert erachtet  formuliert Anselm “ alle streben nur das zu genießen (frui)(appetant), was sie für gut halten (putant).“ 

Mit dem Hinweis auf das im Erstreben als gut (zu haben und zu erreichen, zu genießen) erachtet Werdende wird ein Maß als Vernunftgrund in der Form einer Beurteilungsreflexion angelegt. Zur „Erforschung des Grundes ..., von dem her etwas gut ist, was er als gut beurteilt (iudicat)“, wird aufgewiesen, daß, weil er Maß der Gutheit überhaupt sein muß, der Grund nur ein einer sein kann. 

Die Vernunftüberlegung, die sich am Bedingungsverhältnis von Beurteilung und Gutsein orientiert, führt zur Einsicht in das Grund- und Maßverhältnis im Etwassein aus seiner Beurteilung. Wird dieser eine und selbstgleiche Maßgrund (unum idem) als ein Etwas (unum aliquid) ergriffen im und für das vergleichende Beurteilen festgehalten, so ergibt sich, daß es als ein Einziges als das Höchste von allem genannt wird. „Deshalb gibt es etwas (aliquid), das, mag es Wesenheit oder Substanz oder Natur genannt werden, das Beste und Größte und das Höchste von allem, was ist.“1 Das etwas Sein des Höchsten im Maßgrundverhältnis alles Guten ist notwendige Bedingung, von einer Natur als der höchsten zu sprechen. Das damit bereits angesprochene Ursprungsverhältnis zwischen der höchsten Natur und den Dingen ist durch das Grund- und Maßverhältnis für die Beurteilung von Etwas als gut zu erkennen vorbereitet. Dementsprechend muß dieses eine Etwas, die höchste Natur, nur ‘durch sich selbst’ (per seipsum) sein, durch die alles ist, was es ist, und sie selbst kann auf keine Weise ‘durch etwas anderes’ (esse per aliud) sein. Das ‘durch sich selbst‘ läßt sich zwingend nur als Eines denken, muß aber im Vergleich wiederum als das Größte und Beste genannt werden und als das Höchste von allem, was ist (summum omnium). Die in M1 bis M14 „sola ratione“ als solche begründet erkannte höchste Natur, deren Namen Gott dort erst am Ende begründet genannt werden kann, ist mit Gott als „etwas“ (aliquid) identisch zu halten, „über dem kein Größeres gedacht werden kann“, wie es im 1. Argumentationsschritt des P5 festgehalten wird: „Also was bist Du, Herr Gott, über dem kein größeres gedacht werden kann. Aber was bist Du, wenn nicht das, was als das Höchste von allem allein durch sich bestehend, alles anderes aus dem Nichts geschaffen hat.“ (P5) Die ‚creatio ex nihilo‘, die Anselm begriffsgenau von einem 'durch sich Sein' unterscheidet, beschreibt kein Schaffen aus einem Gegebenen, sondern bedeutet den schöpferischen, geistigen Akt, den Anselm der paulinischen Tradition folgend, als ein Sprechen (locutio) nennt, womit vorbereitet wird, daß die höchste Natur allein durch das sich Sprechen alles schafft, was immer Etwas sind, dessen Maßbild und Ähnlichkeit und Vorbild (M9) ihre Wesenheit selbst ist.

b) M15 

Das etwas Sein der höchsten Natur bildet die Ausgangslage für die nachfolgende Wesensfrage nach der höchsten Natur in M 15. Im Gedanken, etwas zu sein, ist aber die Natur als höchste von allen Naturen mit der Seinsweise des in Raum und Zeit Seienden verglichen. 

Mit dem Begriff von Natur oder Substanz oder Wesenheit des Guten ergibt sich aber eine Nötigung, dieses selbst, um es [als Selbstheit] wahren zu können, von der Vergleichsbestimmung als höchstes zu unterscheiden, denn im Vergleichen ist die Eigenart der Seinsweise als „durch sich“ nicht gewahrt.: „Daher bezeichnet offensichtlich selbst das, daß sie die höchste von allem oder größer als alles, was von ihr geschaffen wurde, oder etwas anders in ähnlicher Art beziehungsweise genannt werden kann, nicht ihre natürliche Wesenheit.“ Aufgrund der Unzugänglichkeit, durch vergleichenden, relationalen Ausdruck einen Wesensgehalt zu bezeichnen, aufgrund der beliebigen Bildbarkeit realtiver Begriffe durch die vergleichende Verbindung mit anderem, und schließlich aufgrund der dadurch erzeugten genetischen Abhängigkeit (in der Washeitsbestimmung) von anderem, weisen solche relativen Begriffe wie der Begriff «des Höchsten von allem» (summum omnium) für die Wesenserkenntnis jener Natur (Gottes) eine unangemessene Gestalt auf. Die relational vergleichende Bestimmung verstößt gegen die Selbstheit und Selbstgleichheit, die für das zu begreifende Wesenheit tragend ist. 

Die Vernunft selbst verlangt darum eine Entsprechung in einer neuen Orientierung des begrifflich bestimmenden Denkens. Anselm findet sie in der Betrachtungsweise, etwas als ein solches isoliert von jeder Beziehung auf anderes als es selbst (ipsum) zu betrachten (intueatur).: Wenn nun jemand das einzelne aufmerksam betrachtet, so ist alles, was es außerhalb der Beziehungsdinge gibt, entweder so beschaffen, daß solches zu sein schlechthin besser als nicht solches zu sein“; oder so, daß nicht solches zu sein“ in einer Hinsicht besser als solches zu sein ist.“ 

Die von Anselm zur Erläuterung gewählten Beispiele z. B.„weise“ und „nicht weise“,  geben jeweils Hinweise auf das eigene angewandte Verfahren und stellen für das Verhältnis von ipsum und non ipsum dar, daß es nicht als konträres, sondern als kontradiktorisches verstanden werden muß. Es findet also eine Entgegensetzung von Weisheit und Torheit, von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit statt, aber kein Vorzugs-vergleich zwischen gerecht und weise oder sonstigen Maßannahmen des Wesens des Göttlichen. Dem maßannehmend beurteilenden Denken ist vielmehr eine seien Urteilskraft fordernde Entscheidung aufgenötigt, zu erkennen, inwiefern das Gerechtsein in jeder Hinsicht besser und weiser ist als das Ungerechtsein – und in diesem Entscheidungsverhältnis bewahren wir die Wesenseinsicht des Seins des Göttlichen als er selbst.

In der Wesensformulierung all das zu sei, was durchaus besser ist als nicht solches zu sein, fällt das quidquid („all das“) auf, das die Gedanken auf eine Allheit von einzelnen ‛Wesenheiten’ lenkt, während die bisherige Formulierung sich auf ein je einzelnes ‛ipsum’ bezog. 

Die einzelnen Wesenheiten in ihrer Mehrzahl müssen als jeweilig „singuläre“ das erfüllen können, was als höchste Natur nur als eine sein kann. Gemäß dem Argumentationsgang muß sich im Vernunftschluß dieses Eine durch durch eine Vielheit begrifflich sich unterscheidender Wesenheiten festhalten lassen, daß die höchste Natur „lebend, weise, mächtig und allmächtig, wahr, gerecht, selig, und ewig und alles, was immer ähnlich unbedingt besser ist, als das, was „Nicht-Es“ ist. 

Sich rückbeziehend auf die bis jetzt ausgeführten Vernunftargumente von M 1 bis 15 kann die Frage nach dem Wasein Gottes in P5 mit der Antwort als begründet abschließen, „Du bist also gerecht, wahrhaftig, selig, und alles was besser ist zu sein als nicht zu sein (P5). In dieser sich rückbeziehenden Bestimmung findet zugleich eine Umbildung statt: «zu sein besser als nicht zu sein». Ipsum wird durch esse ersetzt und der Satzteil omnino fällt weg, ohne daß dadurch ein entscheidend sachlicher Unterschied zwischen beiden Formulierungen hervorgehoben wäre. Die Ersetzung durch esse entspricht eher der Fragestellung nach Sein im Wie des Wasseins Gottes, die in P2- P4 angelegt ist. Daß das omnino wegfällt, hat Gründe im Verfahren: die entscheidende Einteilung des »Monologion« wird für das »Proslogion« vorausgesetzt und darum braucht das Verfahren, das sich aus dem Vergleich mit den je zweckbezogen für gut (für etwas anderes) beurteilt werdenden Dingen bildet, nicht noch einmal aufgenommen zu werden. Dieses Zurückgreifen und die motivierte Umformulierung des Prinzips bestätigen einerseits, daß dieses seine Bedeutung durchgängig bewahrt; anderseits wird dadurch erforderlich, das Prinzip in einem erweiterten Aspekt zu begreifen, den das Proslogion aufgreift.. 

Erst mit der Anbindung an das aliquid quo maius kann das Proslogion es unternehmen, die Einheit der Vielheit als identitätskonstitutiv für die in Beurteilungsreflexion der Vernunft gewahrte Wesenseinsicht zu erkennen zu geben. 

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1 M 3, I 16,26-28: Quare est aliquid, quod, sive essentia sive substantia sive natura dicatur, optimum et maximum est et summum omnium quae sunt.