Logos auf Gott hin - Orientierung in ästhetischer Vernunft

Anselms schmales, im schönsten Gleichgewicht strahlendes Werk verwirklicht in reiner Gestalt die Anliegen theologischer Ästhetik. Seine Vernunft ist monastisch wie die des Areopagiten, aber benediktinisch, das heißt zugleich gemeinschaftlich, dialogisch. Als monastische ist sie der Form nach kontemplativ, anschauend, sich zeigenlassend; als benediktinische ist sie dem Inhalt nach Bewußtsein personaler Freiheit und in Freiheit geprägter Lebensform.

Hans Urs von Balthasar, Herrlichkeit Bd II,1



Vereinigung von begrifflich geführtem Denken und Reflexion aus den Gedächtnissen in Wort und Bild


Das Anliegen

Ästhetisch vermag die Vernunft nach der Seite des Empfindens hin in jener Ebenbildlichkeit des Verhaltens sich zu orientieren, darin sie Achtung ist. Die vielfältigen Gestalten, die sie darin trägt, und in der sie ihre Richtung bildet, sind um ihrer gemeinschaftlichen Bedeutung willen zu erörtern. Ihre Reflexion gehört zur Ethik und begründet Pflicht und Recht von Freiheit in personaler, die Gemeinschaftsbedingungen von Achtung und Anerkennung wahrender Verantwortung. Aus der Reflexion ihrer Besinnung mündet die Kontemplation aus dem Widerstand des Rückzugs in die Zuwendung zum Lebendigen und nimmt als "Fürsorge für die Seele", wie Platon die Aufgabe des vernünftigen Geistes begriff, dessen Not zu wenden, ihren Auftrag an.

"Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste." hat Hölderlin in sokratischem Gedächtnis formuliert.

Nach der Seite der Werke und des Schönen der Erscheinungen hin wird die Vernunft von der Urteilskraft in eine Reflexion verhalten, in der das Schauen sich bricht und das Unzusammenstimmende von zu Erkennendem und anschaulich zu Bildendem die Einsichtswege begleitet, die auf Werkgestalten und ihre Strukturen angewiesen bleiben. In diesen Weisen des Ästhetischen der Vernunft gedenken wir auch dem Vergeblichen, dem Scheiternden in den Lebensvollzügen, den Zuwendungen aber auch in der wieder vermochten Führung des Lebens. Die Werkgedächtnisse in der erforderlichen Aufmerksamkeit ihrer Zusammenhänge  wahren mit der Distanz zum Handlungszwang eine je der Deutung bedürftige, in ihren Brüchen reflektierte Bildungsgestalt dessen, was aus dem ästhetischen Vernehmen die Tugenden des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung als das uns maßgeblich Ermöglichende wieder annehmen läßt. 

Die Grund- und Maßbegriffe eines vernünftigen Glaubens und ihrer theologischen Reflexion sind darum keiner theoretischen, dem kategorialen Verstandesgebrauch gemäßen Bestimmung fähig. Mit den für ihre Bildung zu beachtenden Methodenerkenntnissen der Philosophie ist darum die Theologie gehalten, sich auf einen die Bedingungen ihrer geistigen Vermögen berücksichtigenden Weg zu begeben, der in den Werken Anselms von Canterbury hoffnungsvoll angelegt ist.

Ästhetische Vernunft ist Vernunft der Freiheit - in Erkenntnis und Annahme der ihr zukommenden Aufgabe. Mit ihr können Menschen in christlichem Glaubensverständnis sich als ursprünglich der Achtung und Anerkennung gewürdigte  Personen - als gottebenbildich sich einer gütig sie ermöglichenden Gabe verdankend, die der Annahme im Dank eines se wahrenden Denkens bedarf. Theologische Erkenntnsibildung wirkt und lebt darum im gemeinschaftlich zu wahrenden Gedächtnis der einsichtseröffnenden Kunde, was das Göttliche uns im Geist der Wahrheit zu ermöglichen verheißt.

 

Anselm, Erzbischof von Canterbury

Anselm,  1033 in Aosta, Norditalien geboren, schrieb 1076 das Monologion und 1077/78 das durch seinen Gotteserweis berühmtere Proslogion während seiner Zeit als Prior des Klosters Bec in Nordfrankreich.

Von 1093 bis zu seinem Tod in 1109 war Anselm Erzbischof von Canterbury und hat von daher seinen in der Geistesgeschichte üblichen Namen.

Dem Proslogion folgen - der in ihm als Aufgabe eröffneten Behandlung der Wesenheiten des Göttlichen gemäß - die in Dialogform geschriebenen Bücher

Über die Wahrheit (de veritate), Über die Freiheit (de libero arbitrio) und über den Fall des Lichtsengels (de casu diaboli)


Fliehe den Geschäftigkeiten, die dich vereinnahmt haben - fuge paululum occupationes tuas (Proslogion 1)

Im Rahmen dieser auf das Werk Anselms von Canterbury sich konzentrierenden Veröffentlichungen sollen in den letzten zwei Jahrzehnten entstandene Texte zugänglich gemacht werden, die Grundzüge dessen vorstellen und zu weiterer Ausarbeitung anregen sollen, was Theologie und die Vernunft im als glaubwürdig zu Tradierenden in den Anspruch gestellt hat.

  • Wie ist die nicht erst heute zu stellende Frage nach aus ihrem Selbstverständnis unabdingbar notwendige Einheit des christlichen Glaubens zu gewährleisten? 
  • Was kann, was muß eine vernünftige, ihrer Bedingungen und Verfahren bewußte Theologie auf den Weg bringen, um Einheit als geistige Orientierung für die Einheit der Vielen  zu ermöglichen? 
  • Welcher Art von Erkenntnis geht in die theologische Besinnung ein, die ich dieser Anforderung als Auftrag stellt? 
  • Und wie kann sie öffentlich Einsicht in die Einheitsbedingungen auf eine überzueugende, nachvollziehbare Weise darstellen und als wahrheitsfähig so zu begründen, dass der Glaube im vertrauensvollen Befolgen als Weisheit sich bewähren kann?

Gegenüber den thomistisch-scholastischen und neoscholastischen Tendenzen in der kirchlichen Dogmatik der letzten Jahrhunderte ebenso wie gegenüber den voluntaristischen und nominalistischen Grundstellungen in der philosophischen Theologie bietet das Werk Anselms einen Ansatz, der die Einheit von Glaubensgedächtnis und Vernunfteinsicht nicht nur mit dem überlieferten Schrifttum des Neuen Bundes und den Querverbindungen zur griechischen Geistesbildung von Platon her zu bewahren vermag, sondern sich auch in der Moderne und ihrer kritischen Unterscheidung von Vernunft- und Verstandesvermögen (dem praktischen und dem theoretischen Verhalten von Erkenntnis nach Kant) bewähren kann. 

Gotteserkenntnis und Selbstbewußtsein des Menschen bilden keinen Gegensatz, sondern fordern einander im Achtungsgrund des Seinkönnens als Person, ohne dessen Bedingungseinsicht sich auch die Einsicht in das Wesen des Göttlichen verschließt. Theologie ist in ihrer Vernünftigkeit praktisch, gehört nicht zu den theoretischen Wissenschaften, vermag Orientierung für das menschliche Verhalten aber nur mit der Reflexion ihrer Vermögen durch die vom Ursprung her sich erneuernde Gabe des rechten Maßes - im Seinkönnen einer personalen Achtungsgemeinschaft. Das Unantastbare der Würde des Menschen als Person verweist nicht nur der Wortbedeutung nach auf das Heilige.

Auf gewisse Weise ist das Unternehmen zur Erneuerung der sittlichen Orientierungskraft von theologischer Einsicht auch ein in seinem Ethos ästhetisch verfasster Widerstand - gegen Verwirrung und öffentliche Desorientierung und den Mangel an Unterscheidungskraft, wie er die populären Heilsversprechen  umschwirrt und längst die hilfloser werdenden kirchlichen Angebote durchzieht. 

Philosophische Theologie ist mit Anselm in ihrer Vernünfigkeit unter dem Anspruch, den angenommenen Glaubensgehalt als glaubwürdig auszuweisen, fürsorgend für die menschliche Seele, allgemein und in Gemeinschaftsverantwortung. Sie verfährt darin weder rationalistisch noch antirationalistisch; sie bringt die Vernunft im Bewußtsein ihrer Aufgaben und Vermögen in ein besonders Verhältnis zum Maßgeblichen für das Handeln und Verhalten und hat an ihr selbst durch die Achtung teil, die sie, dem Heiligen bezeugend, vom nach Einsicht verlangenden Denken aus den Glaubens- und Weisheitsgedächtnissen einzuüben vermag.